Was ist Schamanismus?

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Schamanismus existiert Forschungen zufolge seit über 40.000 Jahren, ursprünglich überall auf der Welt. Er diente seither sowohl dem unmittelbaren Erleben von Spiritualität wie dem Heilen (auf körperlicher, seelischer und spiritueller Ebene) und ist damit ein Vorläufer der späteren Religionen und der Medizin.
Im Laufe der Zeit wurden schamanischen Praktiken in Europa zum Beispiel durch die Inquisition und später die Ära der Aufklärung unterdrückt und größtenteils „ausgerottet“. Manche moderne schamanisch Praktizierende sehen allerdings auch in Europa noch viele Überreste schamanisch geprägter Überlieferungen, z.B. in dem überlieferten Wissen über einheimische Heilpflanzen. An anderen Orten auf der Welt ist wesentlich mehr vom dort praktizierten Schamanismus erhalten geblieben, zum Beispiel in Sibirien (Tuwa-Schamanen), manchen asiatischen Ländern, darunter Tibet und Korea, in mehreren Ländern in Nord- und Südamerika, Afrika u.a. Es gibt so gut wie keine schriftlichen Aufzeichnungen, dieses Wissen wurde und wird z.B. in indigenen Völkern mündlich weitergegeben.

Kern-Schamanismus

Der nordamerikanische Anthropologe Prof. Michael Harner hat in den 1970er Jahren traditionelle schamanische Heilmethoden, die er in verschiedenen Kulturen kennenlernte und auch im Selbstversuch erforschte, „angepasst“ an die moderne westliche Welt. Die von Prof. Harner entwickelten kulturunabhängigen Techniken sind Menschen aus den westlichen Industrienationen leicht durchführbar. Dies ist der sogenannte Kern-Schamanismus oder Core-Shamanism.

Von zentraler Bedeutung für den Kern-Schamanismus ist die schamanische Reise. Sie wird traditionell von einem monotonen schnellen Trommelrhythmus (ca. 200 – 220 Schläge pro Minute) begleitet. Dieser Rhythmus sorgt für einen veränderten Bewusstseinszustand, eine Trance, was auch wissenschaftliche Forschungen belegen.

Mit der schamanischen Reise kann ein schamanisch Praktizierender oder Schamane Krafttiere und andere hilfsbereite Geist-Wesen finden und aufsuchen. Von ihnen kann er Antworten auf wichtige Lebensfragen erhalten und sich mit einer universellen, spirituellen Kraft verbinden.

Sehr fortgeschrittene Praktizierende/Schamanen können verschiedene Formen von spiritueller Heilarbeit leisten. Hier einige Beispiele: Die schamanische Extraktion dient dem Aufspüren und der Bekämpfung von Krankheiten. Bei einer Seelenrückholung werden dem Hilfesuchenden verloren gegangen Seelenanteile zurückgebracht. Entsprechend ausgebildete Schamanen können auch schamanische Sterbebegleitungen und/oder ein Seelengeleit für Verstorbene machen.

Der Kernschamanismus ist ein zeitgemäßer, spiritueller Weg, wenn man sich dazu hingezogen fühlt. Dabei geht es nicht darum, alte Traditionen und Rituale von indigenen Kulturen zu übernehmen – was viele dieser Kulturen, wie beispielsweise die Lakota-Native Americans übrigens strikt ablehnen als eine für sie schädliche und respektlose „cultural appropriation“ (kulturelle Aneignung).

Stattdessen lädt der Kernschamanismus dazu ein, eigene lebendige spirituelle Erfahrungen zu machen und sich dafür zu öffnen, sich (wieder) im Einklang zu erleben mit der universellen Lebenskraft und -energie.

Wobei kann schamanisches Reisen hilfreich sein?
Zur spirituellen Selbsterfahrung

Um Antworten zu erhalten auf wichtige Fragen im Leben und um Entscheidungen zu treffen

Für mehr innere Kraft, Selbstbewusstsein und Klarheit, auch in schwierigen Situationen

Um das Vertrauen in sich selbst zu stärken

Um eigene Bedürfnisse und Wünsche zu erkennen

Um herauszufinden, was man in seinem Leben erreichen möchte (Visionssuche)

Um sich mit der Welt oder „dem großen Ganzen“ mehr verbunden zu fühlen.

Und darüber hinaus auch insbesondere zur Heilung, zur Lösung innerer Blockaden und  zur Integration von verloren gegangenen Seelenanteilen.

Religion und Schamanismus?
Ein Glaubensbekenntnis zu einer bestimmten Religion schließt nicht automatisch die Möglichkeit aus, schamanisch tätig zu werden. Krafttiere und Geist-Wesen, die dem Schamanen hilfreich zur Seite stehen, können z.B. als von Gott gesandte Wesen betrachtet werden, als Vermittler gewissermaßen. Diese Wesen werden jedoch von schamanisch Tätigen keinesfalls angebetet oder als göttliche Wesen verehrt.
In allen Weltreligionen gibt es auch Menschen, die Schamanismus praktizieren.
Letztendlich muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er seine Religion, seinen Glauben,
mit schamanischen Aktivitäten in Einklang bringen kann.
Es gibt Bücher, die sich mit dieser Thematik beschäftigen, z.B. „Der Heilungsweg des Schamanen im Lichte westlicher Psychotherapie und christlicher Überlieferung“ von August Thalhamer.

Schamanismus und Drogen?
Es existieren hier und da Vorteile, dass alle Schamanen Drogen nehmen, um ihre schamanischen  Praktiken machen können. Das ist so nicht richtig. In manchen indigenen Kulturen ist die rituelle Einnahme von bewusstseinsverändernden oder -erweiternden Drogen im Zusammenhang mit schamanischen Praktiken kulturell verankert. Als Beispiel ist hier das auch im Westen relativ bekannte Ayahuasca* zu nennen, welches bei einigen Völkern in Südamerika traditionell für schamanische Praktiken verwendet wird. Dies ist aber nicht weltweit auf schamanisch Tätige übertragbar, denn in anderen Kulturen nehmen Schamanen keine bewusstseinsverändernden Stoffe zu sich.

Und so stützt sich auch der Kern-Schamanismus allein auf die Verwendung des oben beschriebenen Trommelrhythmus, um eine Trance und einen veränderten Bewusstseinszustand zu erreichen. Darüber hinaus werden auch Gesänge, Tanz und Räucherungen eingesetzt. Dies ist wesentlich gefahrloser für den Praktizierenden, da bei der Einnahme von Drogen jeder Art unerwünschte Nebenwirkungen auftreten können, die damit bewirkte Bewusstseinserweiterung zu Desorientierung oder Verwirrung führen oder auch eine körperliche oder psychische Abhängigkeit zur Droge enstehen kann.
Aus diesen Gründen rate ich ebenfalls davon ab, schamanische Praktiken unter Drogeneinfluss durchzuführen.

*Das ist ein halluzinogener Pflanzensud aus der Liane Banisteriopsis caapi und Blättern des Kaffeestrauchgewächsens Psychotira viridis.

Bitte beachten: Schamanische Praktiken ersetzen weder eine Therapie noch einen Arztbesuch beim (Fach-)Arzt oder Heilpraktiker. Sie können ergänzend wirken und die Selbstheilungskräfte anregen.

Empfehlenswerte Literatur für Einsteiger:

Diese Bücher enthalten praktische Übungen und basieren auf dem Kern-Schamanismus:

  • „Der Weg des Schamanen“ von Michael Harner
  • „Der schamanische Weg in die Tiefe der Seele“
    von Sandra Ingerman und Hank Wesselman
  • „Schamanismus. Eine Einführung in die tägliche Praxis“ von Tom Cowan
  • Nicht ganz so sehr klassisch schamanisch, aber auch mit vielen schönen Achtsamkeits- und anderen Übungen:
    „Großstadtschamanismus“ von Vera Griebert-Schröder und Franziska Muri